Mit Life arbeite ich aktiv daran, einen Raum der Koexistenz zwischen allen zu schaffen, die Teil der Ausstellung sind, und jenen, die von ihr angesprochen werden – der Kunstinstitution, meinem Kunstwerk, den Besuchenden, anderen Wesen, die daran

teilhaben, den Bäumen und anderen Pflanzen im Park, der Stadtlandschaft, die das Museum umgibt und darüber hinaus. Indem wir gemeinsam die Welt erforschen, die wir miteinander teilen, können wir sie, so hoffe ich, für alle Spezies lebenswert machen.

Olafur Eliasson

Die Besucher*innen von Life in der Fondation Beyeler können die Ausstellung zu jeder Zeit erkunden. Sie ist Tag und Nacht geöffnet, und es gibt weder Türen noch Fenster, die die Welt aussperren. Die Landschaft rund um das Gebäude erstreckt sich bis ins Innere und flutet die Ausstellungsräume mit einem künstlich grünen Teich, der eine Fülle von Wasserpflanzen beherbergt. 

… wahre Freiheit ist nur im Schutz der Freiheit anderer zu finden, und mehr noch im Schutz des Bedürfnisses aller Lebensformen zu gedeihen.

Culture Hack Labs

Die Besuchenden bewegen sich auf Stegen aus dunklem Holz durch die Ausstellung, stets begleitet von den Umgebungsgeräuschen, etwa der Insekten, des Verkehrs und anderer Menschen, sowie umfangen von den Gerüchen der Pflanzen und des Wassers.

Den Besuchenden eröffnen sich Blickachsen in die umgebende Landschaft, einem öffentlich zugänglichen Garten, während sie sich auf mehreren möglichen Routen durch die Ausstellungsräume bewegen. Überall bietet sich die Gelegenheit zu entschleunigen, sich treiben und einen der auf subtile Weise unterschiedlich gestalteten Räume auf sich wirken zu lassen.

Da es nicht möglich ist, eine Komplizenschaft zu vermeiden, tun wir besser daran, von der Annahme auszugehen, dass jeder in Situationen involviert ist …

Alexis Shotwell

Fang mit den Pflanzen an, folge ihrem neugierigen Wachstum …

Natasha Myers

Für Life hat Olafur Eliasson einen grossen Teil der Fenster der Fondation Beyeler entfernt. Dieser Akt, den der Künstler als „Fürsorge“ bezeichnet, öffnet das Museum hin zu seiner Umgebung, zu den Pflanzen und Tieren des öffentlichen Parks, zur Stadtlandschaft, zum wechselnden Wetter und zu den fliessenden Übergängen von Licht und Dunkelheit.



Die Institution, die Besuchenden und andere Lebensformen werden in einem Raum des unmittelbaren Miteinanders vereint. Life lässt die Grenzen zwischen aussen und innen, Museum und Kunstwerk verschwimmen – ein Effekt, der soweit ging, auch Eliassons Wunsch danach, das Museum Tag und Nacht geöffnet zu halten, zu verwirklichen.

Statt die Natur zu beherrschen und ihr Gewalt anzutun, haben wir die Möglichkeit, uns an ihr auszurichten und eine Gewalt für die Natur und mit ihr zu werden.

Culture Hack Labs


Licht und Dunkelheit verändern die Erfahrung von Life auf bemerkenswerte Weise. Wie es erlebt wird, hängt ganz wesentlich von der Tageszeit ab: Das Wasser erscheint bei Tageslicht hellgrün und fluoresziert bei Nacht – ein Effekt, der durch eine Kombination aus ultraviolettem Licht und einem fluoreszierenden Farbstoff im Wasser, dem Uranin, entsteht.

Wir reden die ganze Zeit über Licht, aber auch die Dunkelheit ist wichtig.

Anna Wirz-Justice

Von den kleinsten Bakterien, Pilzen und Pflanzen bis hin zu Fliegen, Fischen und Säugetieren verfügen alle Lebewesen über einen bemerkenswert ähnlichen Satz an „Uhr-Genen“, die einen inneren Zyklus von etwa 24 Stunden erzeugen.

Anna Wirz-Justice


Das Wasser dehnt sich über die ganzen Ausstellung aus, verbindet den Innenraum mit dem Teich im Freien und erschafft eine durchgehende Wasserlandschaft. Auf der Wasseroberfläche entfaltet sich je nach Lichtverhältnissen und Witterung ein Spektrum an Reflexionen, die den umgebenden Raum und die Besuchenden miteinbeziehen und sie zu Koproduzierenden des Kunstwerks machen.


Wenn wir denken, wir wüssten bereits, was da draussen ist, werden wir mit ziemlicher Sicherheit viel davon verpassen.

Jane Bennett

Objekte sind nicht unbedingt Festkörper. Meine Auffassung ist, sie sind eher wie Flüssigkeiten – man kann sie nicht wirklich greifen.

Timothy Morton

Der Teich im Garten des Museums ist mit den Innenräumen der Ausstellung zu einer durchgehenden Wasserlandschaft verbunden. Eine Vielzahl von Pflanzen, die alle im flachen Wasser gedeihen, bevölkern die Oberfläche des Teiches: Schwimmfarn, Zwergseerose, Muschelblume, Rotwurzler und Wassernuss.

Und die Sonne, die Sonne, das ist alles, wonach es verlangt …

Pireeni Sundaralingam

Einige Wasserpflanzen waren bereits fester Bestandteil des ursprünglichen Teiches. Andere werden sich im Laufe der Ausstellung in diesem Lebensraum ansiedeln. Diese Eindringlinge treten in einen Dialog mit der bestehenden Flora des Museumsparks, den dortigen, zum Teil jahrhundertealten Bäumen, den Sträuchern und Gräsern. Das Ergebnis ist ein sich gegenseitig durchdringendes, in sich verflochtenes Wachstum.

Ich werde sie nie sehen, diese lichtlosen Räume. Dein Atem, der aus verborgenen Becken emporsprudelt.

Pireeni Sundaralingam

Wer hat dafür gesorgt, dass Tiere wie wir diesen Planeten bewohnen und auf ihm atmen können?

Natasha Myers

Olafur Eliasson liess sich hierfür von der Anthropologin Natasha Myers inspirieren, die an uns appelliert, unsere Sinne zu „vegetalisieren“, um das Potenzial der Beziehungen zwischen Pflanze und Mensch zu erschliessen.

Dies geht auf ihren Vorschlag für eine Alternative zum Anthropozän zurück, der gegenwärtigen geologischen Epoche, die durch menschliche Aktivitäten definiert ist: Myers nennt diese neue Epoche „Planthropozän“. Ihre Ideen wurzeln in dem Wissen, dass Pflanzen es überhaupt möglich gemacht haben, dass dieser Planet bewohnbar ist.


Das Kunstwerk lädt dazu ein, die Sinne zu aktiveren, es nicht nur mit den Augen zu erkunden – sondern durch die Gerüche der Pflanzen und des Wassers, die Geräusche der Umgebung und das Gefühl der Feuchtigkeit in der Luft das gesamte Sensorium zu aktivieren.

… wir wissen noch nicht, was eine Pflanze will oder was eine Pflanze weiss.

Natasha Myers

Zeitempfinden wird zu einem Teil des Kunstwerks. In Eliassons Worten ist die Ausstellung der Versuch, „Zeit zu öffnen“, ihre Gegenwart nicht als standardisierte Masseinheit, sondern als gelebte, gefühlte Empfindung spürbar zu machen, die untrennbar mit Erfahrung verknüpft ist.



Life erweckt den Eindruck, als hätte die Natur die Fondation Beyeler übernommen, doch gleichzeitig wird deutlich, dass die Ausstellung Erfahrungen bietet, die zutiefst gestaltet sind. Olafur Eliasson betrachtet das Kunstwerk als Natur-Kultur-Landschaft für menschliche und nicht-menschliche Lebewesen gleichermassen.

Die Besuchenden sind eingeladen, sich innerhalb einer erweiterten Landschaft zu erfahren, nie allein, nie völlig getrennt, sondern als vielschichtige Wesen, die stets in grössere, unbändige Ökologien eingebunden sind. Das Kunstwerk erinnert an einen beschaulichen Garten und existiert gleichwohl in unserem globalen Jetzt, das nicht zuletzt durch den Klimanotstand bestimmt wird.

Ich kann mir kaum eine Herausforderung vorstellen, ohne dabei auf die Hilfe anderer, Menschen oder Nichtmenschen, zurückzugreifen.

Anna Tsing

… denn es sind nicht nur andere Menschenleben, sondern auch andere empfindungsfähige Wesen, Umgebungen und Infrastrukturen: Wir sind von ihnen abhängig und sie wiederum von uns, um eine lebenswerte Welt aufrechtzuerhalten.

Judith Butler

Selbst wenn sich keine menschlichen Besuchende im Raum aufhalten, können andere Lebewesen – zum Beispiel Insekten oder Vögel – hindurchfliegen oder sich vorübergehend in ihm niederlassen. Gemeinsam und in Beziehung zu anderen nicht lebenden Dingen im Raum bilden diese unterschiedlichen Gäste ein fragiles Ökosystem, in dem menschliche wie nicht-menschliche Interventionen und Interaktionen im Laufe der Zeit Spuren hinterlassen.

Wir müssen ehrlich sein. Wir müssen uns von unserer artspezifischen Arroganz befreien.

Lynn Margulis

Life ist als lebender Organismus einem ständigen Wandel unterworfen. Ausgeatmete Luft wird von anderen Lebewesen eingeatmet, und Licht wird von Pflanzen durch Fotosynthese in Sauerstoff umgewandelt.

Warum dafür plädieren, dass Materie belebt ist?

Jane Bennett

Bei Life geht es um Konspiration – sowohl im Sinne der Wortherkunft von „miteinander atmen“ (lateinisch con-spiratio) als auch in der Bedeutung von „auf ein gemeinsames Ziel hin agieren“. Es geht darum, sich mit Anderen und mit dem Planeten zu verschwören. Die Erkenntnis, dass die komplexen Systeme der Erde miteinander verbunden sind, ist zugleich die Einladung, Erzählungen für die Zukunft zu entwickeln, in vollem Bewusstsein, dass der Mensch nicht die wichtigste Spezies auf diesem Planeten ist.

Du bist nicht unbemerkt, nicht allein. Tausend Milliarden Leben erblühen in deiner Gestalt, dem Universum der DNA, die du in dir trägst, nur 10% menschlich …

Pireeni Sundaralingam

In den Ausstellungsräumen und im Garten sind Kameras installiert, die Perspektiven nicht-menschlicher Lebewesen einnehmen; etwa direkt über der Wasseroberfläche oder aber hoch oben in einem Baum. 

Vögel verfügen über eine andere Dimension von Farbe.

Francisco Varela

Deshalb dürfen wir uns alle Tiere, die die Natur um uns beleben, mit einer ringsum geschlossenen Seifenblase vorstellen

Jakob von Uexküll

Die Kameras sind mit verschiedenen optischen Filtern ausgestattet, die die Wahrnehmungsapparate anderer Spezies nachahmen. Ein Mehrkanal-Livestream, der Tag und Nacht abrufbar ist, lässt Formen nicht-menschlicher Zeitwahrnehmung ahnen und eröffnet speziesübergreifende Perspektiven auf die Ausstellung und deren Umgebung.

In der Umwelt der Schnecke ist ein Stab, der viermal in der Sekunde hin und her schwingt, bereits zu einem ruhenden geworden.

Jakob von Uexküll

Bewegen die Betrachtenden das Kunstwerk in ihr ,Hier und Jetzt‘ – in den Moment und die Welt, in der sich die Begegnung ereignet?

Olafur Eliasson

Life ist offen: eine Ausstellung mit fliessendem Anfang und Ende. Koproduziert vom Künstler, von seinem Studio, dem Museum und seinen Besuchenden – von menschlichen und anderen Akteur*innen.

This is a love song

Timothy Morton
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Eine digitale Plattform, die verschränkte Ideen, Inspirationen und Informationen zur Ausstellung Life von Olafur Eliasson bündelt.
Kurator der Ausstellung
Sam Keller
Die Ausstellung wurde realisiert durch
Studio Olafur Eliasson und Fondation Beyeler in Kooperation mit Vogt Landschaftsarchitekten
Galerien
neugerriemschneider, Berlin
Tanya Bonakdar Gallery, New York und Los Angeles
Besonderer Dank an
Christian Boros, Ulla Dreyfus-Best, Lizzy und Molly, Anna Wirz-Justice, Natasha Myers, Renzo Piano, Pireeni Sundaralingam, Günther Vogt
Gönner/Stiftungen/Sponsoren
Pierre und Christina de Labouchere,
Ulla Dreyfus-Best,
Herr und Frau Eric Freymond,
Herr Alexey Kuzmichev und Frau Svetlana Kuzmicheva-Uspenskaya,
to.org
und weitere Gönner, die ungenannt bleiben möchten
Impressum
Konzept, Betreuung und Redaktion
Tasnim Baghdadi, Julian Mintert, Christina Werner
Design und technische Realisierung
Fotografie
Patricia Grabowicz, Mark Niedermann
Übersetzung
Uli Nickel (DE), Pierre Rusch (FR)
Lektorat
Geoffrey Garrison (EN), Kristina Köper (DE), Holger Steinemann (DE)
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